Wir müssen über weibliche Vorbilder sprechen

Nenne mir fünf berühmte Künstler. Na? Vermutlich fallen dir sofort Namen wie Monet, van Gogh oder Picasso ein. Doch wie viele Künstlerinnen kennst du spontan? Vielleicht Frida Kahlo, aber darüber hinaus wird es vielleicht schon schwierig.
Das liegt nicht daran, dass es keine Künstlerinnen, Wissenschaftlerinnen, Schriftstellerinnen oder Komponistinnen gab oder gibt. Sondern daran, welche Geschichten wir erzählen und welche wir verschweigen. Unsere Kultur, unsere Lehrpläne, unsere Medien sind geprägt von den Leistungen weißer Männer. Das ist kein Zufall, sondern System.

Früher dachte ich, Geschichte sei neutral. Heute weiß ich, dass die Geschichten, die wir lernen, uns prägen. Sie beeinflussen, wer wir werden und welche Ziele wir verfolgen. Wenn wir fast nur von männlichen Vorbildern hören, ist es kein Wunder, dass viele Frauen und Mädchen sich selbst nicht als Künstlerinnen, Forscherinnen oder Führungskräfte sehen. Oft scheitert es aber gar nicht am Selbstvertrauen, sondern an strukturellen Hürden.
Auch heute noch profitieren in Deutschland vor allem Männer vom Ehegattensplitting, das Frauen finanziell von ihnen abhängig macht. Berufe mit hohem Frauenanteil sind in der Regel schlechter bezahlt und je mehr Frauen in einem Bereich arbeiten, desto stärker sinkt der Lohn im Durchschnitt. Frauen leisten 29 Stunden Care-Arbeit (unbezahlte Arbeit, die durch Haushalt, Kinderbetreuung oder Pflege von Verwandten anfällt) pro Woche, während Männer etwa 20 Stunden die Woche leisten.

Schulen prägen entscheidend mit, welche Personen und Geschichten sichtbar sind. Doch Lehrpläne und Schulbücher erzählen noch immer oft eine einseitige Geschichte. Dabei gibt es so viele Möglichkeiten, Frauen als Vorbilder und Akteurinnen in den Unterricht einzubinden:
Kunst und Kultur: Statt nur über Picasso zu sprechen, können Schüler:innen auch Werke von Hilma af Klint, Käthe Kollwitz oder Yoko Ono analysieren und diskutieren, warum diese Künstlerinnen oft weniger bekannt sind.
Naturwissenschaften: Warum nicht über Marie Curie, Rosalind Franklin oder die Mathematik-Pionierin Emmy Noether sprechen? Ihre Entdeckungen veränderten die Welt und zeigen Mädchen, dass Naturwissenschaft kein „Männerbereich“ ist.
Geschichte und Politik: Themen wie die Frauenbewegung, das Wahlrecht oder die Rolle von Frauen im Widerstand (z. B. Rosa Parks) gehören in jeden Lehrplan. Auch aktuelle Debatten – etwa zur Care-Arbeit oder Lohnungerechtigkeit – lassen sich im Politik- oder Sozialkundeunterricht aufgreifen.
Sprache und Literatur: Statt nur Goethe und Schiller zu lesen, können auch Texte von Astrid Lindgren, Virginia Woolf, Jane Austen oder Maya Angelou behandelt werden. Oder das Mitwirken von Frauen an Werken von z.B. Berthold Brecht diskutiert werden.
Lehrkräfte haben die Macht, diese Lücken zu schließen. Ein Projekt zur lokalen Frauengeschichte, ein Referat über vergessene Wissenschaftlerinnen oder eine Diskussion über Klischees in Schulbüchern. Schon kleine Impulse können Bewusstsein schaffen. Denn wenn Mädchen und Jungen von Anfang an lernen, dass Frauen die Welt mitgestaltet haben, wird Gleichberechtigung selbstverständlicher.

Die Rechte, die wir heute haben, wurden von mutigen Frauen hart erkämpft. Wir dürfen sie nicht als selbstverständlich betrachten und schon gar nicht als den Status quo. Gerade in der aktuellen Zeit, wo es so viele Tendenzen zu „traditionellen“ Rollenbildern gibt, sollten wir alle für eine Welt einstehen, in der wir frei entscheiden können, wie wir leben und arbeiten wollen, ohne gesellschaftliche Vorschriften.

Hier eine kleine Leseliste mit Büchern, die einen Einstieg in die Welt meist unbekannter Frauen und Patriarchaler Strukturen bieten:

  • Beklaute Frauen, Leonie Schöler (2024)
  • Die Unerzählte Geschichte, Vera Weidenbach (2022)
  • Unlearn Patriarchy, Lisa Jaspers, Naomi Ryland, Silvie Horch (Hrsg., 2023)
  • Invisible Women, Caroline Criado Perez (2019), zu diesem Buch habe ich auch schonmal einen Beitrag geschrieben. Diesen findest du hier.

2 Gedanken zu „Wir müssen über weibliche Vorbilder sprechen

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