Das Veto-Prinzip nach Maike Plath: Gleichwürdige Führung und Partizipation in der Schule

Wer in der Schule arbeitet, kennt vermutlich diese Situationen, wo Schüler*innen sich querstellen, keine Lust haben, die Mitarbeit verweigern und die eigene Autorität nicht mehr trägt.
Viele Lehrkräfte stellen sich dann die Frage, wie sie angemessen mit dieser Verweigerung umgehen können. Ziehen wir die Zügel an? Bestehen wir auf unsere Macht? Oder gelingt es uns, in Beziehung zu bleiben, ohne uns selbst aufzugeben?
Genau an dieser Stelle setzt das Veto-Prinzip von Maike Plath an. Es handelt sich nicht um einen Methodenkoffer für „schwierige Situationen“. Vielmehr ist es ein Konzept, das Führung, Beziehung und Demokratie im schulischen Raum neu zusammendenkt. Auch wenn im Folgenden explizit von Lehrkräften gesprochen wird, kann dieses Prinzip auf alle Personen in Führungspositionen und in persönlichen Beziehungen zum Tragen kommen.

Gleichwürdige Führung als Haltung

Das Veto-Prinzip versteht sich als Instrument zur Schaffung eines gleichwürdigen und demokratischen Raumes – nicht nur in der Schule, sondern überall dort, wo Menschen miteinander lernen und arbeiten. Im Zentrum steht dabei die Führungskraft mit ihrer Haltung, ihrer Integrität und ihrer Fähigkeit, Verantwortung zu übernehmen, ohne autoritär zu werden.
Plath macht deutlich, dass gleichwürdige Führung nicht bedeutet, Macht abzugeben oder sich zurückzunehmen. Vielmehr erfordert sie Klarheit, Selbstkenntnis und die Bereitschaft, sich selbst immer wieder zu reflektieren. Lehrkräfte sollen lernen, bei Widerstand nicht in alte Muster zu verfallen, sondern auf Augenhöhe in Beziehung zu gehen mit sich selbst und mit den Schüler*innen.

Der Blick nach innen: Wer führt hier eigentlich?

Der Aufbau des Veto-Prinzips folgt sieben aufeinander aufbauenden Säulen. Der Anfang liegt nicht bei den Schüler*innen, sondern bei der eigenen Person. Die erste Säule fordert einen Perspektivwechsel, weg vom äußeren Verhalten, hin zu den eigenen Handlungsmustern.
Hier greift Plath auf die Transaktionsanalyse nach Eric Berne zurück. Sie unterscheidet zwischen Eltern-Ich, Kinder-Ich und Erwachsenen-Ich. Dabei handelt es sich um Anteile, die in jedem Menschen vorhanden sind. Besonders das Erwachsenen-Ich gilt als Ziel gleichwürdiger Kommunikation, denn es nimmt das Gegenüber ernst, bleibt klar und respektvoll. In der zweiten Säule wird diese Innenschau vertieft. Durch Biografiearbeit setzen sich Lehrkräfte mit ihren eigenen Bedürfnissen, Stärken und Grenzen auseinander, denn erst wer sich selbst kennt, kann authentisch führen.

Authentische Führung und die Statustypen

Die dritte Säule beschäftigt sich mit dem authentischen Auftritt. Körpersprache, soziale Prägung und symbolisches Kapital werden ebenso thematisiert wie unterschiedliche Führungstypen, die Plath mithilfe von sogenannten Statustieren veranschaulicht.
Der Löwe tritt dominant und selbstbewusst auf, wird aber häufig gefürchtet. Der Kläffer überspielt einen geringen Selbstwert durch Lautstärke. Das Erdmännchen ist empathisch und zugewandt, übernimmt jedoch keine Führung. Als angestrebter Führungstyp wird die Schildkröte beschrieben, denn sie handelt besonnen, klar und mit hoher innerer Präsenz. Ihr Selbstwert ist stabil, ihr Auftreten ruhig und respektiert
Besonders wichtig ist dabei der Gedanke, dass Führung kein starres Rollenmodell ist. Alle Menschen tragen die verschiedenen Führungstypen in sich und können diese im Idealfall je nach Situation wechseln. Voraussetzung dafür ist ein kontinuierlicher Selbstreflexionsprozess, den das Veto-Prinzip mit Fragen und Übungen begleitet.

Kooperation statt Konkurrenz

In der vierten Säule rückt die Zusammenarbeit in den Fokus. Plath kritisiert, dass viele schulische und gesellschaftliche Systeme stark von Wettbewerb und Konkurrenz geprägt sind. Dem stellt sie Kooperation, Gemeinschaft und Teamarbeit gegenüber.
Zentrale demokratische Kernkompetenzen sind dabei Empathie, Toleranz, Vertrauen und Identifikation. Laut Plath fördert die im Veto-Prinzip verankerte wertschätzende und inklusive Kommunikationskultur diese Kompetenzen nachhaltig
An dieser Stelle wird das Mischpult eingeführt – als Metapher und Methode. Es ermöglicht allen Beteiligten, ihre Bedürfnisse zu regulieren und selbst zu entscheiden, ob sie führen oder folgen wollen. Herzstück dieses Instruments sind die sieben demokratischen Führungsjoker, darunter Veto, Klarheit, Verantwortung oder Störgefühl. Sie dürfen von allen genutzt werden und schaffen einen Raum, in dem Mitbestimmung konkret erlebbar wird.

Veto im Alltag und in der thematischen Arbeit

Die fünfte Säule zeigt, wie das Veto-Prinzip in der inhaltlichen Arbeit, etwa im Unterricht, Anwendung finden kann. Das Mischpult dient hier als Coaching-Instrument, das stets auf drei Ebenen wirkt: Kognition, Emotion und Körper.
Als Moderator*innen sollen Lehrkräfte sogenannte Schildkrötenstrategien nutzen: zuhören, spiegeln, Bedürfnisse erfragen und Konflikte achtsam moderieren. Ziel ist es, Lern- und Gesprächsprozesse so zu gestalten, dass Partizipation nicht nur erlaubt, sondern eingeübt wird.

Haltung zeigen – auch im Konflikt

Mit der sechsten Säule wird die Haltung der Schildkröte weiter vertieft. Plath benennt zentrale Prinzipien gleichwürdiger Führung: Transparenz, wechselnde Führung, Offenlegung von Machtverhältnissen, Akzeptanz von Vielfalt und das Arbeiten an gemeinsamen Zielen.
Besonders eindrücklich fand ich das Kapitel in Bezug auf den Umgang mit offen diskriminierenden Meinungen. Plath macht deutlich, dass Belehrung oder Pädagogisierung meist das Gegenteil dessen bewirken, was Lehrkräfte eigentlich erreichen wollen. Stattdessen plädiert sie dafür, die Person ernst zu nehmen, die Meinung jedoch nicht stehen zu lassen und in einen dialogischen Prozess einzutreten. Nicht Harmonie ist das Ziel, sondern Anerkennung und Auseinandersetzung.

Methodik und Zusammenführung

Die siebte Säule fasst die Methodik des Veto-Prinzips zusammen. Sie bietet eine Übersicht über die zuvor eingeführten Instrumente und gibt konkrete Arbeitshinweise für die Praxis. Damit schließt sich der Kreis von persönlicher Haltung, Beziehung und Methode.

Fazit – Führung neu denken

Auch wenn ich das Veto-Prinzip bisher noch nicht selbst praktisch erproben konnte, haben mich insbesondere die Passagen zu Führung, Haltung und Selbstreflexion sehr angesprochen. Das Konzept fordert dazu auf, Führung nicht als Machtausübung zu verstehen, sondern als Beziehungsarbeit – klar, transparent und gleichwürdig. Damit bestärkt es mir in der Überzeugung, dass Beziehungsarbeit das wichtigste für erfolgreiches Lehren und Lernen in der Schule ist und von gleichwürdiger Führung am Ende alle Akteurinnen profitieren können. Gleichzeitig frage ich mich, ab welchem Alter sich das Veto-Prinzip sinnvoll umsetzen lässt. Wie kann es angepasst werden, um auch in Lerngruppen mit Schülinnen mit Förderbedarf tragfähig zu sein? Welche Mentalen Voraussetzungen braucht es um Führung tatsächlich an Schüler*innen abgeben zu können?
Das Veto-Prinzip lädt dazu ein, Führung zu hinterfragen und immer wieder neu zu denken und allein dafür lohnt sich eine Auseinandersetzung damit.

Der Beitrag basiert auf dem Buch „Das Veto-Prinzip. Die sieben Säulen gleichwürdiger Pädagogik“ von Maike Plath. Das Buch wurde 2023 im Beltz Verlag veröffnetlicht.

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