Eine finnische Perspektive auf das deutsche Schulsystem
„Wenn ihr in einer Position seid um gegen Inklusion zu kämpfen, kämpft“. Diesen Satz sagte eine finnische Gastdozentin vor kurzem in einem Seminar, das besucht habe. Ich war regelrecht erschüttert, denn über Finnland weiß ich nicht viel, aber ich habe schon viel gutes über das inklusive finnische Bildungssystem gehört. Auf Nachfragen wurde mir klar, die Diskussion um Inklusion ist weitaus komplizierter, als sie zunächst scheint und das nicht nur hier in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern.
Aber vielleicht fange ich mal von vorne an. Ich studiere Lehramt für sonderpädagogische Förderung. In Nordrhein-Westfalen umfasst das Studium fünf Studienfächer. Zwei Förderschwerpunkte, zwei Unterrichtsfächer und Bildungswissenschaften. Vor drei Jahren, beim Wechsel vom Bachelor in den Master habe ich vom Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung zum Förderschwerpunkt Hören und Kommunikation gewechselt. (Warum? Das ist eine andere Geschichte – wenn du mehr darüber erfahren möchtest, kommentiere gerne „Förderschwerpunkt“ unter diesem Beitrag!)
Von Beginn an fiel mir auf, dass die Dozierenden im Förderschwerpunkt Hören und Kommunikation Inklusion ziemlich kritisch gegenüber stehen. Um die kritische Haltung zu verstehen, muss man wissen, dass viele Taube Menschen* Gebärdensprache als Muttersprache haben – sofern sie von Geburt an Zugang zu ihr haben. Gebärdensprache ist keine bloße Übersetzung von Lautsprache, sondern eine in Deutschland als vollwertige, eigenständige Sprache anerkannt, mit eigener Grammatik, Syntax und kulturellen Besonderheiten. Sie ist nicht nur ein Kommunikationsmittel, sondern Trägerin der Tauben Kultur und Identität.
Die Sorge bei Inklusion ist nun, dass Taube Schüler*innen in inklusiven Schulen den ganzen Tag von Lautsprache umgeben sind. Ihre Muttersprache, die Gebärdensprache, kommt nur im seltenen Gebärdensprachunterricht vor, wenn es diesen überhaupt gibt. Zudem haben sie in inklusiven Schulen oft nur wenig Kontakt zu anderen Tauben Schüler*innen – zu Peers, die ihre Kultur teilen. Langfristig könnte das den Verlust der Muttersprache und der damit einhergehenden kulturellen Identität bedeuten. Somit enthält man diesen Schüler*innen ihre Familiensprache vor mit allen psychologischen und sozialen Folgen.
Aus dem Förderschwerpunkt Geistige Entwicklung war ich vollkommen gegensätzliche Ansichten gewohnt. Hier galt Inklusion als das oberste Ziel. Die Vorteile wurden in den Mittelpunkt gerückt: gemeinsames Lernen, soziale Integration, Abbau von Barrieren. Ich bin also schon seit Jahren im Zwiespalt mit diesen gegensätzlichen Ansichten. Auf der einen Seite vertrete auch ich die Überzeugung, dass Inklusion der richtige Weg für alle ist. Auf der anderen Seite besteht die Sorge, dass Inklusion gerade für für Taube Schüler*innen den Verlust ihrer Sprache und Kultur bedeuten könnte.
Aus diesem Grund schaue ich immer mit Interesse und Neugier auf die skandinavischen Länder, die in Bezug auf Inklusion scheinbar alles verstanden haben. Doch nun kommt da diese finnische Dozentin und sagt: „Ich beneide euch in Deutschland für euer Förderschulsystem“. Was die Dozentin sagt, widerspricht den UN-Behindertenrechtskonventionen und auch meinen tiefsten Überzeugungen. Also hake ich nach und erfahre, dass in Finnland keine spezielle sonderpädagogische Ausbildung existiert. Es gibt ein einheitliches Lehramtsstudium für alle und die Lehrkräfte müssen dann in der Praxis schauen, wie sie mit den einzelnen Anforderungen an Menschen mit verschiedensten Behinderungen umgehen. Das führt laut der Dozentin vor allem zu Chaos und Unsicherheit. Besonders im Förderschwerpunkt Hören und Kommunikation sei auffällig, dass Taube Schüler*innen den Großteil ihres Schultages von Lautsprache umgeben seien und Gebärdensprache nur im Gebärdensprachunterricht gesprochen werde, wenn es diesen Unterricht überhaupt gibt. Ich hake weiter nach, ob dann vielleicht nicht Inklusion an sich schlecht ist, sondern die Umsetzung in Finnland? Die Dozentin stimmt mir zu und korrigiert ihre pauschale Aussage. Was ich an dieser Unterhaltung so spannend finde ist, dass wir oft von außen auf Skandinavien schauen und denken, das dort bestehende Schulsystem sei das anzustrebende Ideal. Allerdings sehen wir von außen in anderen Ländern oft nur die Extreme, über die berichtet wird. Die heuausstechenden Erfolge oder Misserfolge. Bestimmt gibt es einzelne Schulen in Finnland, in denen Inklusion richtig gut funktioniert, aber die gibt es in Deutschland auch. Was ich vor allem aus dieser Situation mitnehme ist, dass Inklusion ein unheimlich komplexer Prozess ist, der vermutlich nie abgeschlossen sein wird und vielleicht auch nie alle Schüler*innen ihren Bedarfen angemessen inkludieren kann. Das zeigt auch das Trilemma der Inklusion sehr gut, über das ich bereits einen Beitrag geschrieben habe. Auch wenn Inklusion vielleicht ein nie zu erreichendes Ideal ist, sollten wir dennoch versuchen uns diesem Ideal so gut es geht anzunähern und auf dem Weg dabei von anderen Ländern lernen, von ihren Erfolgen und von ihren Fehlern.
Inklusion fordert uns heraus, immer weiter nach Lösungen zu suchen. Lösungen, die alle Schüler*innen unabhängig von Migrationshintergrund oder Behinderung in ihren Bedarfen ernst nehmen. Und ja, unser Bildungssystem hat so viele Potenziale, die wir erkennen und nutzen sollten. Statt uns nur auf das zu konzentrieren, was nicht gut läuft, sollten wir auch das sehen, was bereits funktioniert und darauf aufbauen.
Wie siehst du das? Was ist deine Meinung zu Inklusion? Teile sie gerne in den Kommentaren und lass uns in ein Gespräch kommen.
* „Taub ist eine positive Selbstbezeichnung nicht hörender Menschen, unabhängig davon ob sie taub, resthörig oder schwerhörig sind. Damit wird auch gezeigt, dass Taubheit nicht als Defizit angesehen wird. Es handelt sich hierbei um die Wiederaneignung eines Begriffes, der lange Zeit als abwertende Beschreibung verwendet wurde (reclaiming). Einige Mitglieder aus Tauben Communitys verwenden inzwischen wieder das Wort ‚Taub‘ für sich, weil es im Gegensatz zum Begriff ‚gehörlos‘ nicht schon im Wort selbst einen Mangel (‚-los‘) benennt.“ (https://diversity-arts-culture.berlin/woerterbuch/taub)
