Während meines Auslandssemesters entdeckte ich das Stricken für mich. Und weil ich sowieso einen Islandpullover haben wollte, habe ich mich dazu entschlossen mir einfach selbst einen zu stricken. Was als persönliches Projekt begann, wurde schnell zu einer spannenden Auseinandersetzung mit den wissenschaftlich belegten Vorteilen des Strickens.
Wie Studien zeigen, kann Stricken zur Stressreduktion und zur Entspannung beitragen (Riley, Corkhill & Morris, 2013, S. 53). Mir hat Stricken in Island auch soziale Sicherheit gegeben. Regelmäßige Treffen im Strickclub schafften eine gemeinsame Basis, auf der Freundschaften wachsen konnten. Dass dies kein Einzelfall ist, zeigt die Erhebung von Riley, Corkhill und Morris (2013), bei der rund 50% der Befragten angaben, Teil einer Strickgruppe zu sein, was ihnen ein Gefühl von Zugehörigkeit und Selbstbewusstsein gibt (vgl. ebd., S. 54). 90% der Personen gaben außerdem an, auch Freundschaften durch das Stricken gewonnen zu haben (vgl. ebd.).
Besonders faszinierend war für mich, wie Stricken die Wahrnehmung verändert. Eine Freundin erzählte mir, sie habe durch das Stricken gelernt, Details in Handarbeiten und im Alltag bewusster wahrzunehmen. Statt Aufgaben nur schnell abzuarbeiten, schätzt sie nun den Prozess selbst. Diese Beobachtung deckt sich mit Forschungsergebnissen. Stricken trainiert das Kurzzeitgedächtnis, die Aufmerksamkeit und die Konzentration (ebd.). Zudem entwickelt sich eine größere Wertschätzung für Kleidung, wenn man die materiellen und immateriellen Kosten hinter jedem Stück kennt. Ein weiterer spannender Aspekt ist, dasss regelmäßiges Stricken (an drei oder mehr Tagen pro Woche) die Bereitschaft steigert, Neues auszuprobieren (Corkhill et al., 2014, S. 38 f.).
Stricken im Unterricht: Eine (wieder)entdeckte Chance
Bei all den Vorteilen, die mit dem Stricken einhergehen, stellte sich mir die Frage, ob und inwiefern es sinnvoll sein kann, Stricken bereits in der Schule zu erlernen. Dabei handelt es sich nicht um eine innovative oder neue Idee, denn Stricken oder allgemeiner gefasst Textilunterricht war bereits im 18. Jahrhundert in Verbindung mit der Reformpädagogik entwickelt worden (vgl. Eichelberger & Rychner, 2021, S. 19). Lange Zeit galt es jedoch als reines Mädchenfach, in dem die Schülerinnen Handarbeit als Teil der Hausarbeit erlernen sollten (vgl. ebd. S. 19 f.). In Skandinavien ist Handarbeit und Stricken fester Teil des Lehrplans und wird von der Primarschule bis in die Oberstufe gelehrt (vgl. Skoverket, 2022).
Stricken im Unterricht bringt neben den oben genannten Vorteilen auch weitere Aspekte mit sich. Durch die Kompetenz- und Prozessorientierung, die mit Textil- bzw. Handarbeit einhergeht, wird eine neue Perspektive auf Bildung und Unterricht eröffnet. Die „thematische Auseinandersetzung orientiert sich an drei fachlichen Zugängen: ästhetische Wahrnehmungsfähigkeit, handwerkliches Können und Kontextwissen.“ (Aeppli, 2013, S. 76). Durch die Auseinandersetzung mit Material, Produktionsverfahren und Konstruktionen, Farben und Formen können Lernende ästhetische Erfahrungsprozesse machen (vgl. ebd. S. 77). Diese zeichnen sich dadurch aus, dass wir uns selbst und die Welt gleichzeitig erleben und zu vielfältigen Wechselspielen angeregt werden: „zwischen Sinnlichkeit und Reflexion, zwischen Emotionalität und Vernunft, zwischen Bewusstem und Unbewusstem, zwischen Materialität und Zeichencharakter, zwischen Sagbarem und Unsagbarem, zwischen Bestimmtem und Unbestimmtem“ (Brandstätter, 2013). Durch Handarbeit werden Schüler:innen befähigt „Objekte nach eigenen Vorstellungen zu planen, zu erproben und schliesslich auch herzustellen“ (Aeppli, 2013, S. 78, Schreibweise nach Originalzitat). Sie erlernen dadurch etwas mit ihren eigenen Händen zu erschaffen, was auch ihre Selbstwirksamkeit fördern könnte.
Bildungspotentiale des Strickens
Durch die Auseinandersetzung mit den Materialien können auch naturwissenschaftliche, ökonomische und kulturelle Themen aufgegriffen werden. Dabei kann sich zum Beispiel mit der Materialität und Beschaffenheit auseinandergesetzt werden oder der Prozess von der Herstellung der Materialien über Kleidung hin zur Entsorgung nachverfolgt werden. Das schafft über die eigentliche Handarbeit hinaus ein tieferes und bewussteres Verständnis von Konsumgütern und deren ökologische Auswirkungen der globalisierten Welt. Auch eine Thematisierung von historischen und biographischen Kontexten mit Blick auf Kleidung, Geschmack und Schönheitsideale kann vor allem für jugendliche Schüler:innen einen großen Mehrwert haben. Denn Textilien haben ein besonderes Potential für die (Selbst-)Reflexion von kultureller Differenz und Vielfalt. (vgl. ebd. S. 78)
Auch die Analysefähigkeit kann im Textilunterricht trainiert werden, indem mithilfe der fünf Dimensionen – Funktion, visuelle Wirkung, Material, Verfahren und Konstruktion – Analysen durchgeführt werden (vgl. ebd. S. 79 f.). Eichelberger und Rychner (2020) ergänzen, dass Stricken ein Bereich im Unterricht sein kann, in dem Gespräche stattfinden können, für die im regulären Unterricht keine Zeit ist (S. 236). Dadurch kann unter anderem die Lehrer:innen-Schüler:innen-Beziehung, aber auch die gesamte Klassengemeinschaft gestärkt werden und ein Zugehörigkeitsgefühl entstehen.
Da Stricken auf wiederkehrenden Mustern basiert, eignet es sich bereits für jüngere Kinder. Einfache Projekte wie Mützen fördern nicht nur die Feinmotorik, sondern auch Konzentration und Selbstvertrauen. Gleichzeitig entstehen durch das gemeinsame Tun natürliche Gesprächsanlässe, die das Klassenklima bereichern.
Fazit
In etlichen Studien konnte nachgewiesen werden, dass regelmäßiges Stricken nicht nur positive Effekte auf das individuelle Wohlbefinden hat, wie etwa eine gesteigerte Gelassenheit, Konzentration und Fokussiertheit, sondern auch soziale Kompetenzen stärkt und die Offenheit für neue Herausforderungen und Begegnungen fördern kann. Somit erweist sich Stricken als eine Tätigkeit mit vielseitigem Nutzen, die sowohl persönliche als auch kollektive Bereicherung möglich macht.
Stricken im Unterricht kann nicht nur individuelle Fähigkeiten wie Konzentration und Selbstwirksamkeit fördern, sondern auch eine ganzheitliche Bildung ermöglichen. Durch die Auseinandersetzung mit Materialien, Produktionsprozessen und ästhetischen Aspekten werden naturwissenschaftliche, ökonomische und kulturelle Themen greifbar. Gleichzeitig stärkt Stricken analytische Kompetenzen und schafft Raum für informelle Gespräche, die die Klassengemeinschaft und die Lehrer:innen-Schüler:innen-Beziehung festigen können
Schon in der Primarstufe kann Stricken durch einfache Projekte wie Mützen nicht nur motorische Fähigkeiten trainieren, sondern auch soziale Bindungen vertiefen. Damit bietet es eine wertvolle Ergänzung zum Lehrplan, die über handwerkliche Fertigkeiten hinausgeht und Nachhaltigkeit, kulturelle Reflexion und Gemeinschaftssinn fördert.
Literatur:
Aeppli, P. (2013). Kompetenzorientierung im textilen und technischen Gestalten. In: Beiträge zur Lehrerbildung 31, 1 (S. 75-81).
Brandstätter, U. (2013). Ästhetische Erfahrung. https://www.kubi-online.de/artikel/aesthetische-erfahrung [aufgerufen am 01.12.2025]
Corkhill, B., Hemmings, J., Maddock, A. & Riley J. (2014) Knitting and Well-being, Textile, 12:1, (pp. 34-57).
Eichelberger, E., & Rychner, M. (2021). Textilunterricht: Lesarten eines Schulfachs. Theoriebildung in Fachdiskurs und Schulalltag (2. Aufl.). Studien zur Materiellen Kultur (Bd. 41).
Riley, J., Corkhill, B. & Morris, C. (2013). The benefits of knitting for personal and social wellbeing in adulthood: findings from an international survey. British Journal of Occupational Therapy, 76 (2), (pp. 50-57).
Skolverket. (2022). Slöjd. https://www.skolverket.se/undervisning/anpassade-grundskolan/laroplan-for-anpassade-grundskolan-lgra22?url=907561864%2Fcompulsorycw%2Fjsp%2Fsubject.htm%3FsubjectCode%3DGRSASLJ01%26tos%3Dgran&sv.url=12.5dfee44715d35a5cdfa889e [aufgerufen am 01.12.2025]
